Ästhetik in der Partnerschaft 


Ein Austausch mit Goldbek Medical Hamburg

„Schön zu sein“, „sich schön zu fühlen“ und im besten Falle „den eigenen Partner attraktiv zu finden“ - sind Gedanken, mit denen sich Menschen in westlichen Industrieländern täglich beschäftigen. Heutzutage gibt es viele Möglichkeiten, die innere und äußere Schönheit zu verändern. Seien es minimale Veränderungen wie der Gang zum Friseur, die Inanspruchnahme von Coaching mit dem Ziel der vollen Potentialausschöpfung oder aber auch größere chirurgische Eingriffe. Themen wie Transsexualität sind schon lange kein Tabu mehr und zeigen in extremer Form die Verwandlung des Inneren und Äußeren. 

Im Sinne der Bedürfnishierarchie nach Maslow (1969) müssen verschiedene Bedürfnisse erfüllt sein, damit man sich „höheren Bedürfnissen“ wie dem Bedürfnis nach „Transzendenz“ oder „eigener Erfüllung“ widmen kann. Dabei macht Kaufman (2020) noch einmal deutlich, dass es sich bei der Erfüllung menschlicher Bedürfnisse nicht um ein Videospiel handelt. Maslow selbst hat auch nie die Bedürfnispyramide angefertigt (diese Darstellung geht auf einen Geschäftsmann in den 1960er Jahren in den USA zurück), in dem Sinne, dass wenn beispielsweise das „Bedürfnis nach Sicherheit“ erfüllt ist, dass dann „Bedürfnis nach Bindung“ auf den Plan tritt. Die Bedürfnisse eines Menschen können täglich schwanken und deren Befriedigung ist ständig sicherzustellen. 

Trotzdem kann man feststellen, dass in unseren Breitengraden das Bedürfnis nach Sicherheit glücklicherweise meistens erfüllt ist und wir uns unseren höheren Zielen widmen können. Für viele Menschen zählt ein attraktives Aussehen dazu. In ihrer Studie „Physically attractive faces attract us physically“ können Kramer et al. (2020) belegen, dass man sich eher Menschen annähert, die wir als attraktiv wahrnehmen, auch wenn es keinen klar definierten Auftrag für die Annäherung gibt. In der Studie wurden den Versuchsteilnehmern zwei Frauengesichter gezeigt. Es gab keine weitere Instruktion, nur dass sie sich per Touchscreen für ein Gesicht entscheiden sollten. Die Ergebnisse zeigen ganz deutlich, dass die Versuchsteilnehmer, vor allem die männlichen, sich in den meisten Fällen für das attraktivere Gesicht entschieden haben, als wenn sie es zufällig entschieden hätten („In all conditions, participants chose the attractive face more often than would be predicted by random selection (50%), all ts > 4.98, ps < 0.001, Cohen's ds > 1.04.“). 

Auch unser Gedächtnis lässt sich von der Attraktivität unserer Mitmenschen beeinflussen. So fanden El Haj & Ndobo (2020) heraus, dass man sich eher daran erinnert, dass man einer attraktiven Person Informationen berichtet hat als einer nicht attraktiven Person. Stellt man sich nun eine Gelegenheit vor, bei der die Partnersuche begünstigt wird, beispielsweise Gespräche während einer Partynacht, wird unser Gehirn sich eher an die von uns wahrgenommene attraktive Person erinnern. Nicht attraktive Personen erleben so einen klaren Nachteil. 

Soweit die Studienlage. In meiner praktischen Arbeit als Psychologin berate ich Klienten unter anderem zu Themen wie Partnerschaften, Persönlichkeitsentwicklung sowie Neuorientierungen. Das Bedürfnis nach Schönheit kann ich auch hier vermehrt feststellen. Die Klienten hinterfragen oft ihre eigene Attraktivität und die ihres Partners. Besonders, wenn die Partnerschaft schon länger besteht, können die Klienten feststellen, dass sich das Aussehen ihres Partners maßgeblich negativ verändert hat. Darüber sind meistens beide Partner unglücklich. Meine Klienten sind auch weitestgehend davon überzeugt, dass ihre Situation anders wäre, wäre ihr eigenes Erscheinungsbild oder das ihres Partners ein anderes. 

Besonders bei meinen weiblichen Klienten kann ich beobachten, dass der Vergleich zu anderen Frauen meistens negativ für sie selbst ausfällt. Die Sozialen Medien treiben den Wunsch nach Ästhetik weiter an. Dort begegnet man ästhetischen Menschen, die ihre Zeit mit Leichtigkeit an fernen Orten verbringen – so wird es zumindest vermittelt – und diese Zeit fast ausschließlich in gesunde Ernährung, Fitness und die neueste Mode investieren. Dazu passend gibt es meist einen ebenfalls ähnlich attraktiven Partner, der die gleichen Attribute für sich einnehmen kann. 

Bei meinem Besuch bei Goldbek Medical in Hamburg-Winterhude am 20. August 2020, konnte ich mich mit Herrn Dr.  med. Thomas Hartmann, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie, zu diesem Thema persönlich austauschen. Herr Dr. Hartmann behandelt vermehrt Patienten im mittleren Alterssegment, die sich wieder ein jugendlicheres, frisches Aussehen wünschen. Gerade nach lebensverändernden Einschnitten (beispielsweise Scheidungen) und dem Ziel der erneuten Partnerfindung eröffnen Eingriffe in die Augenpartie, insbesondere der Lidstraffung, den Patienten neue Lebensqualität sowie wiedergewonnenes Selbstvertrauen. 



Herr Dr. Hartmann berichtete ebenfalls, dass einige Patienten ihr Aussehen nicht adäquat wahrnehmen können und das Problem vielleicht im Seelenleben liegen könnte. Auch bei meinen Klienten kann ich feststellen, dass die Wahrnehmung des Selbst und auch der Außenwirkung oft verschoben ist. Im Hinblick auf die Partnerwahl geraten diese Klienten dann an ihre Grenzen, wenn Eigen- und Fremdwahrnehmung stark voneinander abweichen. Besonders aufschlussreich im Austausch mit Herrn Dr. Hartmann war, dass er sich mit dem Goldenen Schnitt im Hinblick auf die Ästhetik des menschlichen Gesichts und Körpers beschäftigt. Das, was man in der Natur als ästhetisch empfindet, lässt sich auch im Gesicht plastisch abbilden. Diese Arbeit bestätigt die vorgestellte Studie von Kramer et al. (2020). In der Sozialpsychologie beschäftigt man sich ebenfalls mit Phänomenen der Außenwirkung. So wirken Gesichter, die kindliche Eigenschaften besitzen (große, runde Augen oder der sogenannte „Schmollmund“), besonders attraktiv. Ebenfalls nimmt man attraktive Menschen als gesünder, erfolgreicher und intelligenter wahr, ganz nach dem „what is beautiful is good“ – Prinzip (Rhodes, 2006). Aus evolutionsbiologischer Perspektive sicherten diese physischen Eigenschaften das eigene Überleben sowie das der Nachkommen. Herr Dr. Hartmann hat sich lange Zeit mit dem „fliehenden Kinn“ beschäftigt. Auch kann er bestätigen, dass man Personen mit dieser Gesichtsproportion eher Eigenschaften zuschreibt wie „dümmlich“ oder „naiv“. Seit einiger Zeit, auch durch die Sozialen Medien vorangetrieben, so Hartmann, sei die Akzeptanz für schönheitschirurgische Eingriffe in der Gesellschaft gewachsen. Auch in meiner Arbeit mit den Klienten kann ich feststellen, dass die Inanspruchnahme von professioneller psychologischer Unterstützung nichts Ungewöhnliches für die Klienten und ihre Familien sind. 

Ästhetik spielt in der Lebensspanne von Partnerschaften eine erhebliche Rolle. Bei der Partnersuche und der anschließenden Auswahl sind Äußerlichkeiten sowie dieselben Einstellungen zu Normen und Werten zunächst ausschlaggebend. Festigt sich die Partnerschaft wird auch die Frequenz in der Sexualität, die anfänglich zum Bindungsaufbau diente, weniger und wird durch emotionale Nähe ersetzt (Bozon, 2001). Trotzdem bleibt die Sexualität fester Bestandteil von romantischen Beziehungen, da sie sich dadurch von anderen platonischen Beziehungen unterscheidet. Geprägt durch das Schönheitsideal in unserer Gesellschaft, ist auch ein jugendliches Aussehen in Partnerschaften erstrebenswert. Weicht das Aussehen des Partners im Laufe der Jahre aufgrund des natürlichen Alterns stark von den eigenen Idealvorstellungen ab, kann man beobachten, dass Intimitäten abnehmen und sowohl chirurgische Eingriffe als auch Psychologen zur Verbesserung der eigenen Situation zu Rate gezogen werden. 

Ich bedanke mich bei Herrn Dr. Hartmann für den regen Austausch und den spannenden Einblick in seine Arbeit.